Rede anläßlich des Volkstrauertages

Liebe Bürgerinnen und Bürger,

der Volkstrauertag erinnert an die Opfer von Kriegen und Gewalt – mit Kranzniederlegungen an Orten des Gedenkens.
Denkmale und Gedenktage wie der Volkstrauertag bringen zum Ausdruck, welche Ereignisse und Erfahrungen unserer Geschichte wir im Bewusstsein auch künftiger Generationen bewahren und lebendig halten wollen.

Der Schriftsteller Franz Kafka notierte am 1. August 1914 in seinem Tagebuch: „Deutschland hat Russland den Krieg erklärt. Nachmittag Schwimmschule.“ Mit dieser uns heute unfassbar erscheinenden Formulierung drückte Kafka allerdings die Erwartung vieler seiner Zeitgenos- sen aus.

Das war die Erwartungshaltung des überwiegenden Teils der deutschen Bevölkerung in den ersten Augusttagen des Jahres 1914. Doch es kam anders. Es begann ein vierjähriges Massensterben mit Millionen Toten.

Die Geschichte des Volkstrauertages ist älter als die Geschichte der Bundesrepublik. Sie geht zurück auf eine Anregung des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge aus dem Jahre 1920. Damals ging es darum, an die Toten des Ersten Weltkrieges zu erinnern. Verbunden damit war die Hoffnung, dass die Erinnerung an den Schrecken und das millionenfache Leid des Krieges den Frieden erhalten würde.

Es folgte der 2. Weltkrieg und es wurden danach Hunderte von Kriegen überall auf der Welt geführt. Millionen von Menschen wurden Opfer- Opfer von Krieg, Verfolgung, Vertreibung, Terror. Und nach wie vor ist Gewalt weltweit verbreitet, um andere – einzelne Menschen, Gruppen oder Staaten – zu unterdrücken, ihnen im Namen von Nation, Volk, Rasse, Religion oder Ideologie den eigenen Willen aufzuzwingen.

Unsere Vorstellungskraft über den Krieg ist dabei eher abstrakt, umso bewegender sind einzelne Schicksale wie das einer jungen syrischen Frau:
2012, mitten im syrischen Bürgerkrieg bringt eine junge Frau ihre Tochter zur Welt – und hält das Grauen des Krieges in einer TV-Doku fest. Es ist das tägliche Grauen des Krieges in Syrien, welches die junge Frau mit ihrer Kamera einfängt. Verwackelte, rohe Szenen dokumentieren tagebuchartig das Leben der Menschen in Aleppo. Mehr als 1000 Stunden Videomaterial, ge- sammelt in einem Zeitraum von fünf Jahren, verdichtet die junge Frau zu einem Zeitzeugenbericht – und widmet ihn ihrer im Krieg geborenen Tochter. Dieser Zeitzeugenbericht wird zu einem Denkmal der modernen Art gegen die Grauen des Krieges. Der Bericht zeigt eindringlich: Kriege sind nicht Vergangenheit und deren Ideologien nicht von gestern.

Der Volkstrauertag mit solcher beschriebenen ganz realen Erinnerung an die Schrecken des Krieges, die unfassbaren vielen Toten, Vertriebenen und Geflüchteten, ist zugleich auch ein Zeichen für Frieden und Versöhnung. Er symbolisiert eine Kultur der Erinnerungen durch die bewusste Verbindung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Ich schließe mit einem Zitat des französischen Schriftstellers Marcel Proust, das gut zu der Bedeutung des Volkstrauertages passt: „Gemeinsame Erinnerungen sind manchmal die besten Friedensstifter.

Ich danke Ihnen.

Claudia Hansen, stv. Bürgermeisterin

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